Vom Römertempel zur V2–Rakete

Die Darstellung der dörflichen Verhältnisse gibt, wie das Beispiel zeigt, Gelegenheit, eine Reihe geschichtlich aufschlußreicher Themen zu behandeln. Genannt seien die Abschnitte über die Leibeigenschaft, den Zehnt, die den Ort berührenden Kriege oder das Schulwesen. Dem Kapitel über Pfarrei und kirchliches Leben entnimmt man, daß Straß, was wenig bekannt ist, eine der schönsten und reichsten Rokokokirchen des Landkreises besitzt, die noch dazu fast völlig im Originalzustand erhalten ist. Die ungewöhnliche Kostbarkeit des Baues erklärt sich daher, daß der die Baulast tragende Grundherr ein wohlhabendes Kloster war.

Einen spürbaren Einschnitt in der Entwicklung des Dorfes bildet der Übergang an Bayern 1802/03. Die auf allen Gebieten wirksame Neuordnung der politischen und kulturellen Verhältnisse im Königreich wirkten sich ebenso aus wie die Ideen des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine völlige Umschichtung erfuhr, um wieder ein Beispiel zu nennen, das Verhältnis von Staat und Religion. Während bis 1802/03 der Grund- und Landesherr nur katholische Einwohner duldete und beide Bereiche untrennbar verschmolzen waren, kam es nach dem Übergang an Bayern und dem Zugeständnis des Rechtes der freien Religionsausübung zu einer scharfen Trennung. Von der Möglichkeit, sich im Ort niederzulassen, machten die Protestanten während des 19. Jahrhunderts jedoch nur spärlichen Gebrauch, und zwar deshalb, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse eine Ansiedlung von fremden Landwirten nicht ermöglichten. Erst nach 1946 stieg die Zahl der Evangelischen durch den Zuzug zahlreicher Flüchtlinge sprunghaft an; heute besitzen sie, ebenso wie eine kleine neuapostolische Gemeinde, eine eigene Kirche. Auch der Abschnitt über das Eindringen des nationalsozialistischen Gedankengutes zeigten, wie sich die politischen Zustände im Deutschen Reich im Leben eines Dorfes spiegeln.

Während des Zweiten Weltkriegs gewann Straß eine besondere Bedeutung dadurch, daß schon 1938 im Klassenhart-Wald östlich des Dorfes eine Heeresmunitionsanstalt, kurz „Muna'“ genannt, eingerichtet worden war. Die in einem eigenen Wohnlager untergebrachten Arbeiter stellten verschiedene Arten von Munition her, und zwar bis zu schweren Geschossen von 28 cm Durchmesser für Schiffs- und Eisenbahngeschütze. Seit 1943 bauten sie dort unter strengster Geheimhaltung auch die mit der Bahn angelieferten Einzelteile zu den 14 Meter langen V 2-Raketen zusammen. Das Kapitel über die „Muna“, ergänzt durch einen Lageplan, bilden einen bisher weitgehend unbekannten Beitrag zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Entscheidende Veränderungen brachte dann die Zeit nach 1945, als sich, zunächst auf dem Gelände der „Muna“, Industrie- und Gewerbebetriebe ansiedelten. Ein großer Teil der Unternehmer und der Beschäftigten waren Heimatvertriebene. Die Entwicklung hielt an, so daß die Einwohnerzahl von 763 im Jahr 1946 auf 2170 im Jahr 1977 anstieg und sich Straß, bei gleichzeitigem Rückgang der Landwirtschaft, vom bäuerlichen Dorf zu einer vorwiegend von Arbeitern und Angestellten bewohnten Siedlung entwickelte. Die Strasser arbeiten teils am Ort, teils suchen sie ihre Arbeitsplätze in Ulm oder Neu-Ulm auf. 1977 zählten bereits 65% der Erwerbspersonen zu den sogenannten Auspendlern.